Der Giftschrank des deutschen Fernsehens ist reich gefüllt; mit
zahllosen Sendungen, die - aus unterschiedlichen Gründen - nie
das Licht der Öffentlichkeit erblicken durften.
Sendefertig abgesetzt, dieses Schicksal ereilte 1972 auch ein
Dokumentarspiel des ZDF, das den Aufsehen erregenden
'Soldatenmord von Lebach' aus dem Jahre 1969 hatte nachstellen
wollen.
Einer der ehemaligen Straftäter erwirkte 1973 beim Bundesver-
fassungsgericht ein Sendeverbot, an das sich das ZDF bis heute,
28 Jahre später, hält.
Das so genannte Lebach-Urteil schrieb Rechtsgeschichte, stellte
den Schutz der Persönlichkeit und der Resozialisierung über die
Freiheit der Medien und des Publikums, sich zu erinnern. Die Folge
war ein unheilvolles Tabu, das 1996 auch den Privatsender SAT.1
ereilte. Dieser hatte den historischen Soldatenmord erneut ver-
filmt - und kassierte prompt ein zweites gerichtliches Sendeverbot,
erwirkt vom noch einsitzenden Haupttäter von 1969.
SAT.1 aber setzte sich zur Wehr. Erneut musste das Bundesver-
fassungsgericht über den Streitfall entscheiden - und stellte in
einem Beschluss von 1999 klar, sein Lebach-Urteil von 1973 sei
nicht gedacht gewesen, ein Erinnerungsverbot für alle Zeiten zu
errichten; auch entlassene Straftäter müssten es sich gefallen
lassen, dass an ihre Tat und Schuld erinnert werde - wenn denn
ihre Identität im Film hinreichend verfremdet wurde.
Lebach und die Folgen, diese TV-Chronik wird im Buch rekonstruiert.
Volker Lilienthal stützt sich dabei auf die Kenntnis der unter Ver-
schluss gehaltenen Filme, auf Interviews mit Zeitzeugen, zeit-
genössische Quellen, ZDF- und SAT.1-Archivmaterialien sowie auf
den Nachlass des früheren ZDF-Hauptabteilungsleiters Jürgen
Neven-du Mont, der im Bundesarchiv Koblenz liegt und hier erst-
mals ausgewertet wird.
In Neven-du Monts Briefen und Aktennotizen entdeckte Lilienthal
kritische Interna über die politische Behandlung der Lebach-Affäre
im ZDF.
Aus dem Inhalt:
Vorwort: Das Tabu Lebach
I. Eine Polizistenoper
Das ZDF-Dokumentarspiel von 1972:für immer im Giftschrank ?
Persönlichkeitsschutz ging vor Informationsfreiheit
Einflussnahme noch vor der Sendung ?
Hintergrund I: Das Ansehen der Bundeswehr stand auf dem Spiel
Hintergrund II: Homosexualität und gesellschaftliche Intoleranz
Hintergrund III: ZDF-interne Auseinandersetzungen
Hintergrund IV: Die Änderungsauflagen des Intendanten
Die Niederlage vor dem Bundesverfassungsgericht
Hintergrund V: Schnittversion - zulässig oder nicht ?
Hintergrund VI: Helmut Kohl schaltet sich ein
Still und heimlich:Niemand wundert sich
Neven-du Monts Niedergang: Ein Bauernopfer muss her
Was von der Affäre bleibt
Anmerkungen
II. Fernsehgeschichte wiederholt sich
SAT.1 rollt 1996 den Fall Lebach wieder auf
EX-Haupttäter erwirkt Sendeverbot gegen SAT.1
SAT.1 muss sich vor Gericht wehren
Die Gerichte widersprechen sich
Rechtsprechung ohne Anschauung
Einerseits die Freiheit zu thematisieren, andererseits die
Notwendigkeit zu verfremden
Das Lebach-Urteil von 1973 ein juristisches Totschlag-Argument
Der Fall SAT.1 lief erneut auf das Bundesverfassungsgericht zu
Erstes Urteil korrigiert
Anmerkungen
III. Dokumentation
Der Fall ZDF 1973
Der Fall SAT.1
Der Fall SAT.1 1996: 2. Entscheidung des Bundesverfassungs-
gerichts von 1999
Der Autor