Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Filmwissenschaft intensiv
mit der Bedeutung der Emotionen für die Wahrnehmung des Films.
Nachdem in einer ersten Phase insbesondere die kognitiven Ver-
stehensprozesse eingehender untersucht wurden, zeichnete sich
immer deutlicher ab, dass das Filmerleben ohne die Berücksichtigung
der Emotionen im Rezeptionsprozess nur unzureichend beschrieben
und erfasst werden kann.
Die in diesem Band publizierten Beiträge gehen auf die internationale
Konferenz 'Narration and Spectatorship in Moving Images: Perception,
Imagination, Emotion' zurück, bei der an der Hochschule für Film und
Fernsehen 'Konrad Wolf' in Potsdam-Babelsberg mehr als vierzig
Forscherinnen und Forscher aus zehn Ländern ihre Arbeiten zur
Emotionstheorie des Films vorstellten.
Einige der Beiträge werden, ergänzt um weitere Aufsätze, in der
vorliegenden Dokumentation erstmals in deutscher Übersetzung
veröffentlicht.
Aus dem Inhalt:
Thomas Schick und Tobias Ebbrecht Vorwort
Empathie · Emotion
Murray Smith Empathie und das erweiterte Denken
Margrethe Bruun Vaage Empathie: Zur episodischen Struktur der Teilhabe am Spielfilm
Robin Curtis Erweiterte Empathie: Bewegung, Spiegelneuronen und Einfühlung
Codruþa-Elena Morari Formen, die Gefühle spiegeln: Ikonizität und Empathie bei visuellen
Metaphern und nicht-narrativen Strukturen
Anne Bartsch Emotionale Gratifikationen und Genrepräferenz
Tobias Ebbrecht Gefühlte Erinnerung: Überlegungen zum emotionalen Erleben von
Geschichte im Spielfilm
Christina Naber Alles andere als nüchtern: Der aktuelle Dokumentarfilm und sein
emotionales Wirkungspotenzial
Figur · Spiel
Jens Eder Filmfiguren: Rezeption und Analyse
Carl Plantinga Sympathie und Differenz: Zu Figuren- und Zuschaueremotionen im
Medium der bewegten Bilder
Thomas Schick Figurenkonstruktion und Artefaktdominanz: Emotionales Erleben
inkonsistenter Charaktere im Spielfilm
Bruce Hutchinson Wie man die Motivation einer Figur versteht: Eine prozessorientierte
Annäherung an den Realismus
Rolf Kloepfer 'Das Meer in mir': Zu Prinzipien der eigenen narrativen Aufführung
der Anderen
Peter Wuss Film und Spiel: Menschliches Spielverhalten in Realität und
Rezeptionsprozess
Die Autoren:
Anne Bartsch studierte Medien- und Kommunikations-
wissenschaft, Germanistik und Romanistik in Halle und promovierte
2004 im Fach Medien und Kommunikationswissenschaft zum Thema
'Emotionale Kommunikation – ein integratives Modell'.
Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt
'Emotionale Gratifikationen während der Medienrezeption' an
der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg.
Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit Gratifikationen,
die aus dem Erleben von Emotionen während der Medienrezeption
resultieren.
Margrethe Bruun Vaage, Master in Filmwissenschaft
(Trondheim), Doktorandin am Departement of Media and Communication der Universität Oslo, arbeitet derzeit an einer
Dissertation zur Funktion der Empathie für die Zuschauer filmischer
Fiktion.
Sie ist unter anderem Autorin der Zeitschrift Film and Philosophy, Norwegian Journal of Media Studies und Norwegian Journal of Philosophy.
Robin Curtis, geboren in Toronto. Filmemacherin, Kuratorin
(z.B. Sonderprogramm 'Out of Time' Oberhausen 2001) und Medien-
wissenschaftlerin. Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien
Universität Berlin im Sonderforschungsbereich 'Kulturen des
Performativen' im Projekt 'Synästhesie-Effekte: Kinetische und
farbliche Dimensionen des Films.' Promotion 2003 an der Freien
Universität Berlin zu 'Conscientious Viscerality: The Autobiographical
Stance in German Film and Video' ,Habilitation zum Thema
'Filmic Immersion'.
Tobias Ebbrecht hat Medien- und Filmwissenschaft in Marburg
und Berlin studiert und lehrt Mediengeschichte als wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der Hochschule für Film und Fernsehen 'Konrad Wolf' in
Potsdam/Babelsberg. Derzeit arbeitet er an seiner Promotion zur
Stereotypenbildung in Filmen über Holocaust und Nationalsozialismus.
Jens Eder, Juniorprofessor für Medienwissenschaft / Film am
Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg.
Davor verschiedene Arbeiten im Drehbuch und Texterbereich.
Forschungsschwerpunkte: Theorie und Analyse von Film und
Fernsehen, insbesondere Dramaturgie, Erzähltheorie und Ästhetik
in philosophischer, psychologischer und kulturtheoretischer
Perspektive; neuere Entwicklungen des Films in Deutschland und
den USA; Medialität und Menschenbild.
Bruce Hutchinson ist Assistant Professor am Department of
Mass Communication and Theatre an der Universität von Central
Arkansas. Seine Forschungsschwerpunkte sind Realismus und
Narration.
Rolf Kloepfer, Romanist und Germanist, seit 1971 Professor
in Mannheim für französische und spanische Literatur- und Medien-
wissenschaft. Forschungsgebiete: Theoretische und historische
Aspekte der Semiotik, Medien- und Kommunikationswissenschaft,
Filmsemiotik, Literatur- und Erzähltheorie.
Codruþa-Elena Morari hat nach Studienaufenthalten in
Rumänien und Paris ihr Studium an der Universität Paris III –
Sorbonne Nouvelle mit einer Arbeit über Mental Patterns. Towards
an archaeology of metaphor in film comprehension abgeschlossen.
Zwischen 2004 und 2005 war sie visiting student an der Universität
Utrecht. Derzeit promoviert sie in Paris über die kognitive und
imaginative Funktion von Metaphern unter besonderer Berück-
sichtigung ihrer Bedeutung im europäischen Nachkriegskino.
Christina Naber, Diplom Pädagogin und Diplom Medien-
wissenschaftlerin, studierte an der Universität Bielefeld und an
der Hochschule für Film und Fernsehen 'Konrad Wolf'.
Anschließend freie Filmemacherin. Seit 2006 Mitarbeiterin bei
DOKfilm Fernsehproduktion GmbH, u.a. Produktionsleitung und
Producerin.
Carl Plantinga ist Professor für Filmwissenschaft am Calvin
College, Grand Rapids (Michigan). Er ist Autor von Rhetoric and
Representation in Nonfiction Film (Cambridge University Press, 1997)
und Mitherausgeber von Passionate Views: Film, Cognition, and
Emotion (Johns Hopkins University Press, 1999).
In Kürze erscheint von ihm: Moved and Affected: American Film and
the Spectator’s Experience.
Thomas Schick, Studium der Theater- und Medienwissen-
schaft in Erlangen und Wien.
Lehraufträge am Institut für Theater- und Medienwissenschaft in
Erlangen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich
Filmgeschichte an der Hochschule für Film und Fernsehen 'Konrad Wolf'
Potsdam/Babelsberg. Promotionsprojekt zum Thema emotionales
Erleben von Spielfilmen.
Murray Smith ist Professor für Filmwissenschaft an der
Universität von Kent, Canterbury, Großbritannien. Er ist Autor von
Engaging Characters: Fiction, Emotion, and the Cinema
(Oxford, 1995) und Mitherausgeber von Film Theory and Philosophy
(Oxford, 1997), Contemporary Hollywood Cinema (Routledge, 1998),
sowie Thinking through Cinema: Film as Philosophy (Oxford, 2006).
Er hat zahlreiche Aufsätze zum Verhältnis von Emotionen und Film
in Fachzeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht.
Peter Wuss ist Professor für Filmwissenschaft an der
Hochschule für Film und Fernsehen 'Konrad Wolf'
Potsdam/Babelsberg. Er hat zahlreiche Aufsätze zur Theorie,
Geschichte und Psychologie des Films in deutschen und inter-
nationalen Fachzeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht.
Er ist Autor von: Das offene Filmkunstwerk (1985),
Die Tiefenstruktur des Filmkunstwerks (1986, 1990), Kunstwert des
Films und Massencharakter des Mediums. Konspekte zur Geschichte
der Theorie des Spielfilms (1990), und Filmanalyse und Psychologie.
Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozess (1993, 1999).